Als es vollbracht war, da ließ Tanja Logvin ihren Gefühlen freien Lauf. Völlig losgelöst hüpfte Halles Handball-Trainerin über das Parkett . Schrie sich die Anspannung von der Seele, die sich in den anderthalb Stunden zuvor zu einem kaum ertragbaren Maß aufgebaut hatte. Dann herzte und küsste sie die Spielerinnen, die allesamt bei ihr den Adrenalinschub ausgelöst hatten. „Weltklasse“, versuchte sie es schließlich auf den Punkt zu bringen, „das, was die Mädels hier gezeigt haben, war Weltklasse!“ Aber damit konnte die 44-Jährige, die dieses Prädikat als Handballerin viele Jahre selbst getragen hatte, nicht die spielerische Leistung von Union beim 33:30-Sieg am Samstag in der Erdgas-Arena gegen Nellingen gemeint haben.

Der bis dato Vorletzte der ersten Liga hatte es den Gastgeberinnen schließlich lange extrem schwer gemacht. Doch wie die Wildcats sich nicht unterkriegen ließen, selbst von einem zwischenzeitlichen Sieben-Tore-Rückstand, das war schon außergewöhnlich. Eine Werbung für die Mannschaft. „Alle sind heute über sich hinausgewachsen“, fand Tanja Logvin. Dieser erste Heimsieg, der so herbeigesehnt worden war, musste tatsächlich hart erarbeitet werden. „Zu Beginn haben wir uns zu viele technische Fehler geleistet, die Abstimmung hat nicht immer gepasst“, benannte Kapitänin Nadine Smit Unions Startprobleme. Nach einem 2:4-Rückstand hatte sich Halle zwar wieder herangekämpft (5:5/10.).

Doch dann kam die Phase mit zu vielen Fang- und Abspielfehlern. Union war verunsichert. Und die Gäste wussten das zu nutzen. Immer wieder gelang es Nellingens Angreiferinnen, Halles Abwehr in den eigenen Kreis zu drängen, so dass die Schiedsrichter dem TVN – insgesamt zwölf – Siebenmeter zusprachen. Mit seiner giftigen Spielweise sorgte Nellingen zudem geschickt dafür, dass immer wieder Hallenserinnen Zeitstrafen bekamen. So wurde aus einem 5:7 schnell ein 6:10 und schließlich sogar ein 7:14. Es hatte lange gedauert, bis die Wildcats das System durchschauten und reagierten. „Zwischenzeitlich war das purer Wille“, sagte Nadine Smit. „Aber wir wollten das Ding ungedingt rocken. Und die Halle hat gebebt, die Zuschauer waren einfach unglaublich.“ Selbst als Nellingen im Angriff war, feuerte das Publikum seine Heimmannschaft an. Der Funke sprang über, alle spielten sich in einen wahren Rausch, angefangen von einer überragenden Keeperin Isabel Gois. Vorn fand ihre portugiesische Landsfrau Marina Lopes (acht Tore) die Treffsicherheit wieder. Und dann war da noch Emilia Galinska. Sie behielt in dem Hexenkessel kühlen Kopf und verwandelte achtmal traumwandlerisch sicher vom Siebenmeterpunkt. „Dabei war ich so gestresst“, sagte Halles Polin. „Alle erwarten immer, dass du im Eins zu Eins erfolgreich bist, aber das ist nicht automatisch so.“ Sie habe Nellingens Torfrau beobachtet und intuitiv richtig reagiert. „So etwas muss man natürlich üben, aber ehrlich, Siebenmeter kann nicht jeder.“

So wie Galinska haben diesmal wirklich alle dazu beigetragen, dass der Rückstand peu à peu aufgeholt werden konnte. In der 53. Minute schließlich hämmerte Viktoria Divak den Ball zum 27:27 ins Nellinger Gehäuse. Bis zur Schlussminute blieb der Schlagabtausch spannend. Union aber hatte das Glück des Tüchtigen auf seiner Seite – und fiel in einen kollektiven Freudentaumel. „Jetzt haben wir uns endlich belohnt für unseren guten Lauf“, sagte Nadine Smit. Die Rote Laterne musste Nellingen übernehmen – jener Verein, der die Eliteliga aus wirtschaftlichen Gründen freiwillig verlässt. Am nächsten Samstag können die Wildcats auf den ersten Nichtabstiegsplatz wechseln. Dann gastieren sie bei der HSG Bensheim-Auerbach, die aktuell einen Punkt mehr hat. (mz)

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung vom 01. April 2019